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„Die PKK militärisch arg in Bedrängnis“

Posted in Geostrategische Analysen with tags on Juli 11, 2008 by Herman Gieseking

Wir sprachen mit Henry Burns, Major der British Royal Marines, über die Luftschläge der türkischen Luftwaffe und die Bodenoffensive im Februar gegen die PKK. Henry Burns gilt als Terrorismusexperte und war mit seiner Einheit in Afghanistan stationiert und bekämpfte dort die Taliban. Zurzeit dient Henry Burns als Verbindungsoffizier im NATO Hauptquartier in Brüssel. Das Interview führte Herman Gieseking.

Herman Gieseking (nachfolgend HG): Major Henry Burns, wieso haben es die Türkischen Streitkräfte bisher nicht geschafft die PKK militärisch zu bezwingen? Immerhin kämpfen sie nun schon seit 25 Jahren gegen sie?

Henry Burns (nachfolgend HB): Erst einmal kann man einen Krieg gegen Terroristen nie ganz gewinnen. Man kann nur versuchen den Gegner so klein wie möglich zu halten. Außerdem sehe ich es nicht so wie sie, dass die Türkei die PKK nicht bezwungen hätte.

HG: Könnten sie das näher erläutern?

HB: Gerne. In den 90er Jahren verfügte die PKK über 20.000 Kämpfer. Lassen sie sich diese ungeheure Zahl an Guerillas mal durch den Kopf gehen. Die Türkischen Streitkräfte haben diese 20.000 Guerillas bis ins Jahr 1999 auf wenige Hundert reduziert. Das sollte man nicht einfach so abtun. Das ist militärisch schon eine Leistung, zumal die PKK sich eben aufgrund dieser großen Verluste in den Norden des Irak zurückgezogen hat.

HG: Aber die PKK gibt es noch immer.

HB: Sie hat von dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 profitiert. Seit 2003 konnte die Türkei ohne die Zustimmung der USA nicht mehr dort einmarschieren.

HG: Wieso?

HB: Die USA wollten ihre neuen Verbündeten die nordirakischen Kurden wohl nicht verprellen. Ein Fehler wie sich später heraus stellte. Deswegen konnte die PKK dort neue Kämpfer aufstellen und von einem sicheren Hafen immer wieder gegen die Türkei und deren Sicherheitskräfte zuschlagen.

HG: Was meinen sie mit Fehler?

HB: Wenn man auf der einen Seite selber einen Krieg gegen den Terror führt, so wie es die USA in Afghanistan tun, so kann man auf der anderen Seite nicht wegschauen wenn ein Verbündeter durch Terroristen angegriffen wird. Und erst recht nicht dann, wenn man wie die USA selbst die Kontrolle über diesen Staat hat.

HG: Gemeint ist hier der Irak. Wie kam es zu dem Umschwung?

HB: Die Angriffe der PKK gegen Ziele in der Türkei wurden immer intensiver. Da musste man seinem Verbündeten zur Seite stehen, zumal die Türken in Afghanistan einen hervorragenden Job leisten und das mitten in Kabul. Es ist den Türken zu verdanken, dass die afghanische Hauptstadt so gut gesichert ist.

HG: Wieso haben die USA nicht vorher schon der Türkei erlaubt im Nordirak gegen die PKK vorzugehen?

HB: Erst einmal musste der gesamte Irak einigermaßen befriedet werden. Eine neue Kampfzone im Norden des Landes musste vermieden werden.

HG: Wieso dann die Luftschläge und die Bodenoffensive?

HB: Weil die PKK ihre Angriffe verstärkte. Hinzu kam, dass der Irak stabiler wurde.

HG: Wieso verstärkte die PKK ihre Angriffe?

HB: Diese Antwort kann ihnen wohl nur die PKK selbst geben. Ich vermute, dass sie sich sicher und unantastbar fühlte.

HG: Weil sie die Rückendeckung vom kurdischen Regionalpräsidenten Barzani hatte?

HB: Barzani selbst hat die PKK nicht unterstützt, es waren wohl Kreise aus seiner unmittelbaren Umgebung.

HG: Hat Barzani die PKK fallen gelassen?

HB: Dass kann man heute eindeutig mit einem Ja beantworten. Da steckte auch viel diplomatischer Druck hinter. Die USA hatten im November letzten Jahres der Türkei volle Unterstützung zugesagt.

HG: Was sagen sie zu den türkischen Luftschlägen und zur Bodenoffensive im Februar gegen die PKK?

HB: Die Luftschläge haben gesessen. Die Türkei hat die Zentrale der PKK in den Kandil-Bergen innerhalb von Minuten ausgeschaltet. Bei weiteren Luftschlägen wurden zahlreiche weitere logistische Einrichtungen zerstört. Die Bodenoffensive im Februar hat auch uns Militärs überrascht. Wir hatten mit einem Einmarsch in der gebirgigen Umgebung mitten im Winter nicht gerechnet. Was ich aus meinen Gesprächen mit anderen Kollegen jedoch sagen kann ist, dass die türkische Armee hier ganze Arbeit geleistet hat.

HG: Also war die Bodenoffensive ein Erfolg?

HB: Sie war der zentrale Schlag gegen die PKK. Die PKK hatte nicht mit einem Einmarsch zu diesem Zeitpunkt gerechnet. Deswegen war sie darauf nicht vorbereitet und wurde in Grenznähe zur Türkei in Gänze aufgerieben. Von diesem Schlag wird sie sich auch nicht erholen.

HG: Aber es gibt sie doch noch.

HB: Natürlich und es wird sie auch noch in Zukunft geben. Entscheidend ist aber wie gefährlich sie dann noch sein wird. Die türkische Armee hat im Zap-Tal zugeschlagen. Zap war der strategisch wichtigste Punkt für die PKK. Von dort hat sie alle ihre Angriffe auf die Türkei gestartet und nicht nur das, dort hatte sie auch ihre Munitionsvorräte und Unterschlüpfe für ihre Kämpfer.

HG: Aber es gibt doch noch andere Gebiete.

HB: Richtig, aber diese sind weiter entfernt. Die Guerillas sind zu Fuss unterwegs und brauchen nun von anderen Operationsbasen 10-20 Tage, um an die türkische Grenze zu gelangen. Vom Zap-Tal aus konnten sie in 2-3 Tagen Fussmarsch die Türkei erreichen.

HG: Dennoch kann die PKK weiterhin zuschlagen.

HB: Wenn sie vorher nicht entdeckt werden.

HG: Könnten sie das erläutern?

HB: Die Türkei verfügt über Aufklärungsdrohnen und sie erhält Geheimdienstinformationen und Echtzeit Satellitenbilder von den USA.

HG: Gibt es da kein entkommen.

HB: Nein. Mit Wärmebildkameras können sie auch Personen unter einem dichten Laubdach erkennen. Und die Nacht als Schutz vor Entdeckung fällt ebenfalls weg. Die einzige Möglichkeit ist sich in Höhlen zu verstecken, aber irgendwann kommt jeder mal raus und spätestens dann hat man die Personen entdeckt.

HG: Was bedeutet all dies für die PKK?

HB: Die PKK ist militärisch arg in Bedrängnis. Die jüngsten Entführungen von deutschen Urlaubern zeigen dies ebenfalls. Die PKK hat letztmalig vor 17 Jahren Touristen entführt. Dass sie dies nun wieder macht, ist ein Zeichen von Schwäche und Ratlosigkeit.

HG: Wie wird die Türkei zukünftig gegen die PKK agieren?

HB: Die Türkei hat noch zahlreiche militärische Möglichkeiten die sie bisher nicht ausgeschöpft hat. Soweit ich es mitbekommen habe, setzt die türkische Politik auf zwei Komponenten. Erstens militärische Härte und zweitens wirtschaftlicher Aufbau der kurdischen Regionen.

HG: Was meinen sie mit „noch zahlreiche militärische Möglichkeiten“?

HB: Unter anderem die Ausschaltung der PKK-Führungskader.

HG: Sind deren Aufenthaltsorte bekannt?

HB: Dazu möchte ich mich nicht näher äußern.

HG: Abschließende Frage. Wird es die PKK in Zukunft noch geben?

HB: Militärisch kann sich die PKK nicht mehr lange halten. Einige Hundert Kämpfer wird es wohl in Zukunft auch noch geben, aber keine 4-5000 mehr. Und mit Hundert Kämpfern können sie nicht viel erreichen. Entscheidend ist, dass die Türkei weiterhin militärisch gegen die PKK agiert und sie nicht wieder erstarken lässt.

HG: Vielen Dank für das Interview.

Aus dem Englischen übersetzt.

Gül zu Besuch bei Bush: Neue strategische Partnerschaft?

Posted in Aktuelle News, Geostrategische Analysen on Januar 9, 2008 by Attila T. Beyoğlu

Es ist nichts Ungewöhnliches wenn ein Staatspräsident der neu im Amt ist, einen Antrittsbesuch beim Präsidenten der Vereinigten Staaten macht. Abdullah Gül wurde im August 2007 zum türkischen Staatspräsidenten gewählt und nach 12 Jahren besucht nun wieder ein türkischer Staatspräsident den mächtigsten Mann der Welt. Auch das ist noch nichts besonderes, man könnte meinen „es wird mal wieder Zeit“.

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Bild: Abdullah Gül

Interessant wird es, wenn man berücksichtigt, dass der türkische Ministerpräsident Erdogan erst Anfang November beim US-Präsidenten zu Besuch war. Der jetzige Besuch des türkischen Staatspräsidenten Gül ist eben im Kontext zu diesem Treffen zwischen Erdogan bei Bush zu sehen. Als Erdogan am 5.November im Oval Office mit George W. Bush zusammentraf war nicht sicher wie sich das Verhältnis zwischen den beiden NATO-Staaten entwickeln würde. Bis zu diesem Treffen galt das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei als sehr angespannt. Seit die Türkei im März 2003, kurz vor dem Beginn des Irakkrieges, es US-Truppen nicht gestattete von der Türkei aus in den Irak einzumarschieren begann die Abkühlung der Beziehungen. Die weitgehende Autonomie die die Kurden im Nordirak mit Unterstützung Washingtons weiter ausbauten war der Türkei ebenfalls ein Dorn im Auge, befürchtete sie, dass dies auch auf die im Südosten der Türkei lebenden Kurden übergreifen könnte. Der Nullpunkt wurde dann erreicht, als die auch von den USA und der EU als Terrororganisation eingestufte PKK vom Nordirak aus ab 2003 wieder vermehrt Angriffe gegen das türkische Militär und Zivilisten in der Türkei verübte. Trotz mehrmaliger Bitten der Türkei an die USA, sie mögen mit denen im Irak stationierten Truppen etwas gegen die PKK unternehmen, hielten die USA die Türkei mit Worten hin.

Erdogan musste handeln

In dem Jahr als Erdogan Ministerpräsident wurde gab es in einem ganzen Jahr zwei durch die terroristische PKK getötete Soldaten. Seit 2003 erstarkte die PKK unter dem Schutz der kurdischen Autonomieregion und mit wohlwollender Unterstützung des Regionalpräsidenten Barzani im Nordirak von neuem. Im Oktober 2007 kurz vor dem Besuch Erdogans in Washington, tötete die PKK fast zwei Dutzend Zivilisten und türkische Soldaten. Diese Umstände setzten Erdogan in der türkischen Bevölkerung unter mächtigen Druck und Erdogan setzte sich mit den türkischen Militärs an einen Tisch, um ein gemeinsames Vorgehen gegen die terroristische PKK auszuarbeiten. Diese sah vor, Bush vor die Wahl zu stellen, „entweder wir oder die Kurden im Nordirak“. Diese hatten unter dem Regionalpräsidenten Barzani von Washington erfolgreich verlangt, der Türkei jegliche Intervention gegen die PKK im Nordirak zu untersagen. Die türkische Regierung in Zusammenarbeit mit dem Militär ließen sich jedoch vom türkischen Parlament die Erlaubnis geben eine groß angelegte Militärintervention im Nordirak durchzuführen. Kurz nach dem Parlamentsbeschluss zog die türkische Armee 150.000 Soldaten mit teils schwerem Gerät direkt an der Grenze zum Nordirak zusammen. Dies zeigte die Entschlossenheit auch notfalls im Alleingang die PKK im Nordirak zu bekämpfen.

Türkei erhält „grünes“ Licht

Nachdem Treffen zwischen Bush und Erdogan war man erstaunt wie Bush von der PKK als „gemeinsamen Feind der USA und der Türkei“ sprach. Zumal Washington bis dato nichts gegen die PKK unternommen hatte. Vereinbart wurde, dass Washington der Türkei Aufklärungsbilder über PKK-Camps und Bewegungen der PKK-Terroristen liefert. Diese sollte die Türkei nutzen, um mit gezielten Luftschlägen und kleineren Operationen von Special Forces wie den Bordo Bereli die PKK zu bekämpfen. Eine große Intervention konnte so verhindert werden, wäre aber aufgrund des anbrechenden Winters in den Bergen der Region ohnehin nicht zu dem Zeitpunkt möglich gewesen.

Ein anderer Hintergrund für das Umdenken der Bush-Regierung könnte auch gewesen sein, dass kurz vor dem Besuch Erdogans ein Ausschuss des US-Kongresses einen Antrag mit 27 Ja-Stimmen zu 21 Nein-Stimmen in den US-Kongress passieren ließ. Dieser Antrag beinhaltete die Anerkennung des Genozids an den Armenier durch das Osmanische Reich während des 1.Weltkrieges. Eine Mehrheit im US-Kongress war zu diesem Zeitpunkt dem Antrag sicher. Die Türkei beorderte ihren Botschafter Nabi Şensoy nach Ankara zurück. Viel wichtiger waren aber die Äußerungen die nun von US-Sicherheitskreisen und dem Pentagon über die US-Medien hallten. Jetzt wurde auf einmal klar, 70% der Logistik der US-Soldaten im Irak stammen aus der Türkei. Der türkische Luftwaffenstützpunkt Incirlik bei Adana ist ein Knotenpunkt auf den die USA auch für ihre Soldaten in Afghanistan angewiesen sind. Selbst ein nicht geringer Anteil des Treibstoffes für die US-Soldaten im Irak stammt aus türkischen Raffinerien. Diese Äußerungen reichten und Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Kongresses und starke Befürworterin des Antrages, verschob diesen da es keine Mehrheit mehr unter den Kongressabgeordneten gab. Wann und ob überhaupt eine Abstimmung im US-Kongress stattfindet ist ungewiss.

Erfolgreiche Luftschläge

Am 16.Dezember griff die türkische Luftwaffe dann erstmals seit Jahren PKK-Lager im Nordirak an. Mittlerweile weiß man, dass die USA die Aufklärungsbilder weitergaben und den irakischen Luftraum für die türkischen Kampfflugzeuge öffneten. Danach folgten weitere Luftschläge und eine vorläufige Bilanz liegt ebenfalls vor. Demnach wurden das Hauptcamp der PKK im Kandilgebirge und weitere Camps völlig zerstört. Nach Angaben der türkischen Armee wurden mindestens 150 PKK-Terroristen getötet und weitere hundert seien schwer verletzt worden. Die USA und auch die kurdische Regionalregierung widersprachen diesen Angaben nicht.

Auch sind die Äußerungen Barzanis verstummt. Dieser hatte noch nach dem ersten türkischen Luftangriff vom 16.Dezember die USA gedrängt, der Türkei keine weiteren Angriffe zu erlauben. Vergeblich. Auch musste Barzani eine Niederlage einstecken, als US-Außenministerin Condoleezza Rice am 18.Dezember, also 2 Tage nach dem ersten Luftschlag, in Kirkuk eintraf und das Referendum über die Zukunft der Stadt um 6 Monate verschoben wurde. Die nordirakischen Kurden erhoffen sich von einem Referendum einen Anschluss der ölreichen Provinz an ihr Regionalgebiet und damit die Hoffnung bei einem Zerfall des Iraks über reiche Erdölvorkommen zu verfügen. Doch von einer 3-Teilung des Iraks ist in Washington, auch in den zahlreichen Think Tanks, nicht mehr die Rede.

In der Türkei hingegen schwärmen Kommentatoren schon von einer neuen strategischen Partnerschaft zwischen beiden Staaten. Denn die USA brauchen die Türkei, nicht nur für die logistische Versorgung ihrer Soldaten im Irak, sondern auch für einen Irak nachdem ihre Truppen dort abgezogen sind. Auch brauchen sie die Türkei für den Einsatz in Afghanistan und all die Aufgaben die auf beide Staaten in Zukunft noch zukommen werden. Hier sei der Iran erwähnt. Der jetzige Besuch Abdullah Güls bei George W. Bush ist nach den Entwicklungen der letzten zwei Monate wohl das Ergebnis der Frage die Erdogan im Oval Office stellte, „entweder wir oder die Kurden im Nordirak“.

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