„Die PKK militärisch arg in Bedrängnis“

Wir sprachen mit Henry Burns, Major der British Royal Marines, über die Luftschläge der türkischen Luftwaffe und die Bodenoffensive im Februar gegen die PKK. Henry Burns gilt als Terrorismusexperte und war mit seiner Einheit in Afghanistan stationiert und bekämpfte dort die Taliban. Zurzeit dient Henry Burns als Verbindungsoffizier im NATO Hauptquartier in Brüssel. Das Interview führte Herman Gieseking.

Herman Gieseking (nachfolgend HG): Major Henry Burns, wieso haben es die Türkischen Streitkräfte bisher nicht geschafft die PKK militärisch zu bezwingen? Immerhin kämpfen sie nun schon seit 25 Jahren gegen sie?

Henry Burns (nachfolgend HB): Erst einmal kann man einen Krieg gegen Terroristen nie ganz gewinnen. Man kann nur versuchen den Gegner so klein wie möglich zu halten. Außerdem sehe ich es nicht so wie sie, dass die Türkei die PKK nicht bezwungen hätte.

HG: Könnten sie das näher erläutern?

HB: Gerne. In den 90er Jahren verfügte die PKK über 20.000 Kämpfer. Lassen sie sich diese ungeheure Zahl an Guerillas mal durch den Kopf gehen. Die Türkischen Streitkräfte haben diese 20.000 Guerillas bis ins Jahr 1999 auf wenige Hundert reduziert. Das sollte man nicht einfach so abtun. Das ist militärisch schon eine Leistung, zumal die PKK sich eben aufgrund dieser großen Verluste in den Norden des Irak zurückgezogen hat.

HG: Aber die PKK gibt es noch immer.

HB: Sie hat von dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 profitiert. Seit 2003 konnte die Türkei ohne die Zustimmung der USA nicht mehr dort einmarschieren.

HG: Wieso?

HB: Die USA wollten ihre neuen Verbündeten die nordirakischen Kurden wohl nicht verprellen. Ein Fehler wie sich später heraus stellte. Deswegen konnte die PKK dort neue Kämpfer aufstellen und von einem sicheren Hafen immer wieder gegen die Türkei und deren Sicherheitskräfte zuschlagen.

HG: Was meinen sie mit Fehler?

HB: Wenn man auf der einen Seite selber einen Krieg gegen den Terror führt, so wie es die USA in Afghanistan tun, so kann man auf der anderen Seite nicht wegschauen wenn ein Verbündeter durch Terroristen angegriffen wird. Und erst recht nicht dann, wenn man wie die USA selbst die Kontrolle über diesen Staat hat.

HG: Gemeint ist hier der Irak. Wie kam es zu dem Umschwung?

HB: Die Angriffe der PKK gegen Ziele in der Türkei wurden immer intensiver. Da musste man seinem Verbündeten zur Seite stehen, zumal die Türken in Afghanistan einen hervorragenden Job leisten und das mitten in Kabul. Es ist den Türken zu verdanken, dass die afghanische Hauptstadt so gut gesichert ist.

HG: Wieso haben die USA nicht vorher schon der Türkei erlaubt im Nordirak gegen die PKK vorzugehen?

HB: Erst einmal musste der gesamte Irak einigermaßen befriedet werden. Eine neue Kampfzone im Norden des Landes musste vermieden werden.

HG: Wieso dann die Luftschläge und die Bodenoffensive?

HB: Weil die PKK ihre Angriffe verstärkte. Hinzu kam, dass der Irak stabiler wurde.

HG: Wieso verstärkte die PKK ihre Angriffe?

HB: Diese Antwort kann ihnen wohl nur die PKK selbst geben. Ich vermute, dass sie sich sicher und unantastbar fühlte.

HG: Weil sie die Rückendeckung vom kurdischen Regionalpräsidenten Barzani hatte?

HB: Barzani selbst hat die PKK nicht unterstützt, es waren wohl Kreise aus seiner unmittelbaren Umgebung.

HG: Hat Barzani die PKK fallen gelassen?

HB: Dass kann man heute eindeutig mit einem Ja beantworten. Da steckte auch viel diplomatischer Druck hinter. Die USA hatten im November letzten Jahres der Türkei volle Unterstützung zugesagt.

HG: Was sagen sie zu den türkischen Luftschlägen und zur Bodenoffensive im Februar gegen die PKK?

HB: Die Luftschläge haben gesessen. Die Türkei hat die Zentrale der PKK in den Kandil-Bergen innerhalb von Minuten ausgeschaltet. Bei weiteren Luftschlägen wurden zahlreiche weitere logistische Einrichtungen zerstört. Die Bodenoffensive im Februar hat auch uns Militärs überrascht. Wir hatten mit einem Einmarsch in der gebirgigen Umgebung mitten im Winter nicht gerechnet. Was ich aus meinen Gesprächen mit anderen Kollegen jedoch sagen kann ist, dass die türkische Armee hier ganze Arbeit geleistet hat.

HG: Also war die Bodenoffensive ein Erfolg?

HB: Sie war der zentrale Schlag gegen die PKK. Die PKK hatte nicht mit einem Einmarsch zu diesem Zeitpunkt gerechnet. Deswegen war sie darauf nicht vorbereitet und wurde in Grenznähe zur Türkei in Gänze aufgerieben. Von diesem Schlag wird sie sich auch nicht erholen.

HG: Aber es gibt sie doch noch.

HB: Natürlich und es wird sie auch noch in Zukunft geben. Entscheidend ist aber wie gefährlich sie dann noch sein wird. Die türkische Armee hat im Zap-Tal zugeschlagen. Zap war der strategisch wichtigste Punkt für die PKK. Von dort hat sie alle ihre Angriffe auf die Türkei gestartet und nicht nur das, dort hatte sie auch ihre Munitionsvorräte und Unterschlüpfe für ihre Kämpfer.

HG: Aber es gibt doch noch andere Gebiete.

HB: Richtig, aber diese sind weiter entfernt. Die Guerillas sind zu Fuss unterwegs und brauchen nun von anderen Operationsbasen 10-20 Tage, um an die türkische Grenze zu gelangen. Vom Zap-Tal aus konnten sie in 2-3 Tagen Fussmarsch die Türkei erreichen.

HG: Dennoch kann die PKK weiterhin zuschlagen.

HB: Wenn sie vorher nicht entdeckt werden.

HG: Könnten sie das erläutern?

HB: Die Türkei verfügt über Aufklärungsdrohnen und sie erhält Geheimdienstinformationen und Echtzeit Satellitenbilder von den USA.

HG: Gibt es da kein entkommen.

HB: Nein. Mit Wärmebildkameras können sie auch Personen unter einem dichten Laubdach erkennen. Und die Nacht als Schutz vor Entdeckung fällt ebenfalls weg. Die einzige Möglichkeit ist sich in Höhlen zu verstecken, aber irgendwann kommt jeder mal raus und spätestens dann hat man die Personen entdeckt.

HG: Was bedeutet all dies für die PKK?

HB: Die PKK ist militärisch arg in Bedrängnis. Die jüngsten Entführungen von deutschen Urlaubern zeigen dies ebenfalls. Die PKK hat letztmalig vor 17 Jahren Touristen entführt. Dass sie dies nun wieder macht, ist ein Zeichen von Schwäche und Ratlosigkeit.

HG: Wie wird die Türkei zukünftig gegen die PKK agieren?

HB: Die Türkei hat noch zahlreiche militärische Möglichkeiten die sie bisher nicht ausgeschöpft hat. Soweit ich es mitbekommen habe, setzt die türkische Politik auf zwei Komponenten. Erstens militärische Härte und zweitens wirtschaftlicher Aufbau der kurdischen Regionen.

HG: Was meinen sie mit „noch zahlreiche militärische Möglichkeiten“?

HB: Unter anderem die Ausschaltung der PKK-Führungskader.

HG: Sind deren Aufenthaltsorte bekannt?

HB: Dazu möchte ich mich nicht näher äußern.

HG: Abschließende Frage. Wird es die PKK in Zukunft noch geben?

HB: Militärisch kann sich die PKK nicht mehr lange halten. Einige Hundert Kämpfer wird es wohl in Zukunft auch noch geben, aber keine 4-5000 mehr. Und mit Hundert Kämpfern können sie nicht viel erreichen. Entscheidend ist, dass die Türkei weiterhin militärisch gegen die PKK agiert und sie nicht wieder erstarken lässt.

HG: Vielen Dank für das Interview.

Aus dem Englischen übersetzt.

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